Tomkins Anthems & Canticles - Toccata-Rezension

Thomas Tomkins (1572-1656) war einer der letzten Vertreter des stile antico in England. Er war die längste Zeit seines Lebens Organist an der Kathedrale zu Worcester, bis ihm 1646 die Arbeit von den 'Roundheads', den Anhängern des Parlaments, unmöglich gemacht wurde. Da war er schon am Ende seiner Karriere gekommen, und es hat keinen substantiellen Einfluss auf seinen musikalischen Nachlass gehabt. Eine neue CD des Chors von Magdalen College Oxford und des Gambenconsort Phantasm bietet einen Übersicht seines Schaffens, in der die Anthems mit Gambenbegleitung im Mittelpunkt stehen. Es handelt sich hier um sogenannte 'verse anthems', die - im Gegensatz zu 'full anthems' - Episoden für Solostimmen enthalten. Solche Anthems wurden normalerweise von der Orgel begleitet. Im Oeuvre von Tomkins finden sich aber Anthems mit Begleitung eines Gambenconsorts. Diese Praxis beschränkte sich fast ganz auf die Chapel Royal; deswegen dürfen wir annehmen, dass diese Anthems für diese Kapelle bestimmt waren. In den fünf verse anthems, die hier ausgeführt werden, sind die Soloepisoden fast ausschliesslich für tiefere Stimmen (Tenor, Bass) gesetzt. Tomkins ist ziemlich gut vertreten im CD-Katalog, aber es sind meistens die gleichen Werke, die aufgenommen werden. Die hier dargebotenen Stücke sind vielleicht weniger bekannt. Die Interpretationen sind gut gelungen; sowohl die Tutti als die Soloepisoden werden überzeugend gestaltet. Zwischendurch spielt Phantasm auch einige Werke für Gambenconsort. Diese sind sehr unterschiedlichen Charakters. In zwei Stücken gibt es mehrere chromatische Passagen, was umso bemerkenswerter ist, als Tomkins in seinen Vokalwerken jegliche harmonische Experimente scheut. Solche Passagen werden von Phantasm voll ausgekostet. Schliesslich steuert Daniel Hyde einige Orgelstücke bei, die ein Bild des Organisten Tomkins übermitteln. Alles in allem ein schönes und interessantes musikalisches Porträt eines der prominentesten englischen Komponisten aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Johan van Veen

Date: 

Sep 2017

Author: 

Johan van Veen

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