5-Sterne-Rezension von Dowland Lachrimae

John Dowland: Lachrimae or Seven Tears
PHANTASM; Elizabeth Kenny, Laute; Laurence Dreyfus, Jonathan Manson, Mikko Perkola, Emilia Benjamin, Markku Luolajan-Mikkola, Viola
Aufgenommen im Juli 2015, erschienen 
℗ 2016
Booklet mit deutscher Übersetzung im Download unter 
http://www.linnrecords.com/recording-download.aspx 
LINN RECORDS CKD 527, im Vertrieb von NAXOS
… jugendlicher und dynamischer …

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Der Zyklus „Lachrimæ, or Seaven Teares“ von John Dowland steht im Mittelpunkt dieser vier Aufnahmen, von denen allerdings nur eine, die von Phantasm und Elizabeth Kenny bei LINN-Records nämlich, für ihre Käuferinnen und Käufer den kompletten Zyklus mit insgesamt einundzwanzig Kompositionen bereithält. Die ursprüngliche Werkfolge hat John Dowland komponiert, zusammengefasst und 1604 veröffentlicht. Sie besteht zunächst aus sieben Pavanen („SEAVEN TEARS FIGURED IN SEAVEN PASSIONATE PAVANS“):

Lachrimæ Antiquae
Lachrimæ Antiquae Novae
Lachrimæ Gementes
Lachrimæ Tristes
Lachrimæ Coactae
Lachrimæ Amantis
Lachrimæ Veræ

und darauffolgend aus „divers other Pavans, Galiards and Almands set forth for the Lute, Viols, or Violons in five parts“. Unter diesen, zuletzt genannten Tänzen sind einige, die bei Erscheinen des Buchs von 1604 schon bekannt waren.

Semper Dowland semper Dolens
Sir Henry Umpton's Funeral
M. John Langton's Pavan
The King of Denmark's Galliard
The Earl of Essex Galliard
M.Henry Noel his Galliard
M.Giles Hobies his Galiard
M.Nicholas Gryffith his Galliard
M.Thomas Collier his Galliard
Captain Digorie Piper his Galliard
M.Bucton's Galliard
Mistress Nichol's Allemand
M.George Whitehead his Almand

An der einen oder anderen Stelle ist auf der CD die Reihenfolge der Tänze der zweiten Abteilung geändert worden, aber sie sind alle vorhanden – diese Aufnahme liefert das Repertoire, das John Dowland vor gut vierhundert Jahren komponiert und veröffentlicht hat.

Irgendwie kommt mir das „originale“ Repertoire frisch und weitgehend entstaubt vor – dabei darf man gerade bei dieser Aufnahme am ehesten von „Authentizität“ oder von „Aufführungspraxis“ reden. Aber sie beweist es wieder einmal: Sich zu bemühen, alte Musik nach historisch vorgegebenen Mustern zu spielen, bringt sie einem näher und lässt sie jugendlicher und dynamischer erscheinen, als die zu Museumsstücken erstarrten Staubfänger, wie sie uns bis vor – sagen wir – dreißig, vierzig Jahren überall und immer wieder vorgesetzt worden sind. Der wunderbar ätherische, sanfte Gambenton – durchbrochen und kontrastiert durch fein ziselierte fragile Lautenklänge – wirkt in dieser Aufnahme ebenso dynamisch wie tänzerisch, ebenso kontemplativ wie dauernd. Der Zyklus ist, wie der Gambist des Ensembles, Laurence Dreyfus, im Booklet schreibt, „die sinnlich-klangvollste Stunde Musik, die je geschrieben wurde.“

Der Name Sit Fast für das nächste Ensemble stellt mehr Fragen, als er beantwortet. Das meint auch das Ensemble selbst auf seiner Homepage: „Sit Fast ? Un nom qui éveille la curiosité. Notre époque tournée vers la vitesse lui donnera sans doute un sens erroné, car « sit fast » ne signifie pas « asseyez-vous vite », mais plutôt « asseyez-vous fermement » et écoutez. [aus: www.consort-sitfast.com/presentation/le-consort/]

Vitesse? … gerade das Tempo ist es, das die Sieben Pavanen in den Interpretationen von Phantasm und „Sit Fast“ unterscheidet. Das „Sit Fast Viol Consort“ geht die Stücke gemächlich an, sehr zurückhaltend und gerade das macht sie für meine Begriffe zu statisch. Langweilig gar? Lachrimæ, Tränen, spielen nicht nur in den jetzt besprochenen Kompositionen von John Dowland eine bestimmende Rolle, sie beherrschen die ganze Epoche. Melancholy, „Merry melancholy“ gar, waren Kernvokabeln der Zeit … die aber keineswegs von Heulen und Zähneknirschen bestimmt war. Melancholie – nicht Depression! Und natürlich herrschte keine Vorliebe für zur Langeweile neigender Kammermusik. Melancholie war eine Mode – keine volksweite Untergangsstimmung!

https://www.gitarre-und-laute.de/index.php?option=com_content&view=artic...

Date: 

Mar 2018

Author: 

Maximilian Trapp

Published in: